Prio­ri­tät einer Vor­anmel­dung – und die Bereichs­an­ga­be

Die Prio­ri­tät einer Vor­anmel­dung, die eine Bereichs­an­ga­be ent­hält, kann jeden­falls dann wirk­sam in Anspruch genom­men wer­den, wenn der in der Nach­an­mel­dung bean­spruch­te, inner­halb die­ses Bereichs lie­gen­de ein­zel­ne Wert oder Teil­be­reich in der Vor­anmel­dung als mög­li­che Aus­füh­rungs­form der Erfin­dung offen­bart ist.

Prio­ri­tät einer Vor­anmel­dung – und die Bereichs­an­ga­be

Nach Art. – II § 6 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 IntPa­t­ÜbkG ist ein euro­päi­sches Patent mit Wir­kung für das Hoheits­ge­biet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für nich­tig zu erklär­ten, wenn sein Gegen­stand über den Inhalt der Anmel­dung in der ursprüng­lich ein­ge­reich­ten Fas­sung hin­aus­geht. Der danach maß­geb­li­che Inhalt der Anmel­dung ist anhand der Gesamt­heit der ursprüng­lich ein­ge­reich­ten Unter­la­gen zu ermit­teln. Ent­schei­dend ist dabei, was der mit durch­schnitt­li­chen Kennt­nis­sen und Fähig­kei­ten aus­ge­stat­te­te Fach­mann des betref­fen­den Gebiets der Tech­nik, bei dem es sich nach den zutref­fen­den Aus­füh­run­gen des Patent­ge­richts um einen berufs­er­fah­re­nen Fach­hoch­schul-Inge­nieur der Fach­rich­tung Elek­tro­tech­nik oder Optik mit Erfah­run­gen im Bereich der Thea­ter- und Ver­an­stal­tungs­tech­nik han­delt, den ursprüng­li­chen Unter­la­gen als zur Erfin­dung gehö­rend ent­neh­men kann [1].

Bei der Anmel­dung eines euro­päi­schen Patents kann das Prio­ri­täts­recht einer vor­an­ge­gan­ge­nen Gebrauchs­mus­ter­an­mel­dung nach Art. 87 Abs. 1 EPÜ in Anspruch genom­men wer­den, wenn bei­de die­sel­be Erfin­dung betref­fen. Die­se Vor­aus­set­zung ist erfüllt, wenn die mit der Nach­an­mel­dung bean­spruch­te Merk­mals­kom­bi­na­ti­on in der Vor­anmel­dung in ihrer Gesamt­heit als zu der ange­mel­de­ten Erfin­dung gehö­rend offen­bart ist. Der Gegen­stand der bean­spruch­ten Erfin­dung muss im Prio­ri­täts­do­ku­ment iden­tisch offen­bart sein; es muss sich um die­sel­be Erfin­dung han­deln. Dabei ist die Offen­ba­rung des Gegen­stands der ers­ten Anmel­dung nicht auf die dort for­mu­lier­ten Ansprü­che beschränkt, viel­mehr ist die­ser aus der Gesamt­heit der Anmel­de­un­ter­la­gen zu ermit­teln. Für die Beur­tei­lung der iden­ti­schen Offen­ba­rung gel­ten die Prin­zi­pi­en der Neu­heits­prü­fung. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist danach erfor­der­lich, dass der Fach­mann die im Anspruch bezeich­ne­te tech­ni­sche Leh­re den Ursprungs­un­ter­la­gen unmit­tel­bar und ein­deu­tig als mög­li­che Aus­füh­rungs­form der Erfin­dung ent­neh­men kann [2].

Es kann dahin­ste­hen, ob in einem sol­chen Fall damit zugleich alle inner­halb die­ses Bereichs lie­gen­den Ein­zel­wer­te oder Teil­be­rei­che als offen­bart anzu­se­hen sind. Fer­ner kann offen­blei­ben, ob es für die Inan­spruch­nah­me des Prio­ri­täts­rechts einer Vor­anmel­dung mit einer sol­chen Bereichs­an­ga­be aus­reicht, wenn sich die Nach­an­mel­dung auf ein­zel­ne Wer­te oder Teil­be­rei­che, die inner­halb des in der Vor­anmel­dung ange­ge­be­nen Bereichs lie­gen, beschränkt und mit die­ser Beschrän­kung kei­ne ande­ren tech­ni­schen Wir­kun­gen ein­her­ge­hen. Die Prio­ri­tät einer Vor­anmel­dung, die eine Bereichs­an­ga­be ent­hält, kann jeden­falls dann wirk­sam in Anspruch genom­men wer­den, wenn der in der Nach­an­mel­dung bean­spruch­te, inner­halb die­ses Bereichs lie­gen­de ein­zel­ne Wert oder Teil­be­reich in der Vor­anmel­dung als mög­li­che Aus­füh­rungs­form der Erfin­dung offen­bart ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Sep­tem­ber 2015 – X ZR 112/​13

  1. BGH, Urteil vom 17.02.2015 – X ZR 161/​12, GRUR 2015, 573 Rn. 21 Wund­be­hand­lungs­vor­rich­tung[]
  2. BGH, Urteil vom 11.02.2014 – X ZR 107/​12, BGHZ 200, 63 Rn.19 ff. mwN Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal[]