Paten­tier­bar­keit eines mensch­li­chen Embry­os

Die Paten­tie­rung eines Ver­fah­rens ist aus­ge­schlos­sen, wenn dabei durch die Ent­nah­me von Stamm­zel­len, die aus einem mensch­li­chen Embryo im Blas­to­zys­ten­sta­di­um gewon­nen wer­den, die Embry­os zer­stört wer­den.

Paten­tier­bar­keit eines mensch­li­chen Embry­os

Zwar hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in dem hier vor­lie­gen­den Fall ent­schie­den, dass die Ver­wen­dung zu the­ra­peu­ti­schen oder dia­gnos­ti­schen Zwe­cken, die auf den mensch­li­chen Embryo zu des­sen Nut­zen anwend­bar ist, Gegen­stand eines Patents sein kann, aber sei­ne Ver­wen­dung zu Zwe­cken der wis­sen­schaft­li­chen For­schung dage­gen nicht paten­tier­bar ist.

Oli­ver Brüst­le ist Inha­ber eines im Dezem­ber 1997 ange­mel­de­ten Patents, das iso­lier­te und gerei­nig­te neura­le Vor­läu­fer­zel­len betrifft, die aus mensch­li­chen embryo­na­len Stamm­zel­len her­ge­stellt und zur Behand­lung neu­ro­lo­gi­scher Erkran­kun­gen ver­wen­det wer­den. Nach Anga­ben von Herrn Brüst­le gibt es bereits kli­ni­sche Anwen­dun­gen, u. a. bei Pati­en­ten, die an Par­kin­son erkrankt sind. Auf die Kla­ge von Green­peace e.V. hat das Bun­des­pa­tent­ge­richt das Patent von Herrn Brüst­le für nich­tig erklärt, soweit es sich auf Ver­fah­ren bezieht, die es ermög­li­chen, Vor­läu­fer­zel­len aus Stamm­zel­len mensch­li­cher Embryo­nen zu gewin­nen.

Der Bun­des­ge­richts­hof, bei dem Herr Brüst­le Beru­fung ein­ge­legt hat, hat beschlos­sen, den Gerichts­hof ins­be­son­de­re nach der Aus­le­gung des Begriffs „mensch­li­cher Embryo“ zu fra­gen, der in der Richt­li­nie 98/​44/​EG über den recht­li­chen Schutz bio­tech­no­lo­gi­scher Erfin­dun­gen nicht defi­niert wird. Es geht um die Fra­ge, ob der Aus­schluss von der Paten­tier­bar­keit des mensch­li­chen Embry­os alle Sta­di­en des Lebens von der Befruch­tung der Eizel­le an umfasst oder ob zusätz­li­che Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sein müs­sen, z. B., dass ein bestimm­tes Ent­wick­lungs­sta­di­um erreicht ist.

Bei der Prü­fung des Begriffs des mensch­li­chen Embry­os betont der Gerichts­hof zunächst, dass er nicht dazu auf­ge­ru­fen ist, auf Fra­gen medi­zi­ni­scher oder ethi­scher Natur ein­zu­ge­hen, son­dern sich dar­auf zu beschrän­ken hat, die ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten der Richt­li­nie juris­tisch aus­zu­le­gen. So las­sen der Zusam­men­hang und das Ziel der Richt­li­nie erken­nen, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber jede Mög­lich­keit der Paten­tie­rung aus­schlie­ßen woll­te, sobald die der Men­schen­wür­de geschul­de­te Ach­tung dadurch beein­träch­tigt wer­den könn­te. Dar­aus folgt, dass der Begriff des mensch­li­chen Embry­os weit aus­zu­le­gen ist. Inso­fern ist jede mensch­li­che Eizel­le vom Sta­di­um ihrer Befruch­tung an als „mensch­li­cher Embryo“ anzu­se­hen, da die Befruch­tung geeig­net ist, den Pro­zess der Ent­wick­lung eines Men­schen in Gang zu set­zen. Das Glei­che gilt für die unbe­fruch­te­te mensch­li­che Eizel­le, in die ein Zell­kern aus einer aus­ge­reif­ten mensch­li­chen Zel­le trans­plan­tiert wor­den ist oder die durch Par­the­no­ge­ne­se zur Tei­lung und Wei­ter­ent­wick­lung ange­regt wor­den ist. Selbst wenn die­se Orga­nis­men genau genom­men nicht befruch­tet wor­den sind, sind sie infol­ge der zu ihrer Gewin­nung ver­wen­de­ten Tech­nik eben­so wie der durch Befruch­tung einer Eizel­le ent­stan­de­ne Embryo geeig­net, den Pro­zess der Ent­wick­lung eines Men­schen in Gang zu set­zen.

Zu Stamm­zel­len, die von einem mensch­li­chen Embryo im Sta­di­um der Blas­to­zys­te gewon­nen wer­den – und auf die sich die Erfin­dung bezieht, um die es in dem Patent von Herrn Brüst­le geht –, stellt der Gerichts­hof fest, dass es Sache des natio­na­len Gerichts ist, im Licht der tech­ni­schen Ent­wick­lung fest­zu­stel­len, ob sie geeig­net sind, den Pro­zess der Ent­wick­lung eines Men­schen in Gang zu set­zen, und folg­lich unter den Begriff des mensch­li­chen Embry­os fal­len.

Anschlie­ßend geht der Gerichts­hof der Fra­ge nach, ob der Begriff der als nicht paten­tier­bar gel­ten­den „Ver­wen­dung von mensch­li­chen Embryo­nen zu indus­tri­el­len oder kom­mer­zi­el­len Zwe­cken“ auch die Ver­wen­dung zu Zwe­cken der wis­sen­schaft­li­chen For­schung umfasst. So bemerkt er zu der zuletzt genann­ten Ver­wen­dung, dass die Ertei­lung eines Patents für eine Erfin­dung grund­sätz­lich deren indus­tri­el­le oder kom­mer­zi­el­le Ver­wer­tung ein­schließt. Selbst wenn das Ziel der wis­sen­schaft­li­chen For­schung von indus­tri­el­len oder kom­mer­zi­el­len Zwe­cken unter­schie­den wer­den muss, kann die Ver­wen­dung mensch­li­cher Embryo­nen zu For­schungs­zwe­cken, die Gegen­stand der Patent­an­mel­dung wäre, nicht vom Patent selbst und den dar­an geknüpf­ten Rech­ten getrennt wer­den. Des­we­gen kann die Ver­wen­dung mensch­li­cher Embryo­nen zur wis­sen­schaft­li­chen For­schung, die Gegen­stand einer Patent­an­mel­dung ist, nicht von einer indus­tri­el­len und kom­mer­zi­el­len Ver­wer­tung getrennt wer­den und dadurch dem Aus­schluss von der Paten­tie­rung ent­ge­hen.

Der Gerichts­hof stellt daher fest, dass wis­sen­schaft­li­che For­schung, die die Ver­wen­dung mensch­li­cher Embryo­nen vor­aus­setzt, kei­nen patent­recht­li­chen Schutz erlan­gen kann. Er weist jedoch dar­auf hin, dass die Paten­tier­bar­keit der Ver­wen­dung von mensch­li­chen Embryo­nen zu indus­tri­el­len oder kom­mer­zi­el­len Zwe­cken nach der Richt­li­nie nicht ver­bo­ten ist, wenn sie die Ver­wen­dung zu the­ra­peu­ti­schen oder dia­gnos­ti­schen Zwe­cken betrifft, die auf den mensch­li­chen Embryo zu des­sen Nut­zen anwend­bar ist – z. B. um eine Miss­bil­dung zu behe­ben und die Über­le­bens­chan­cen des Embry­os zu ver­bes­sern.

Schließ­lich ant­wor­tet der Gerichts­hof auf die Fra­ge nach der Paten­tier­bar­keit einer Erfin­dung, die die Her­stel­lung neura­ler Vor­läu­fer­zel­len betrifft. Er führt aus, dass die­se zum einen die Ver­wen­dung von Stamm­zel­len vor­aus­setzt, die aus einem mensch­li­chen Embryo im Blas­to­zys­ten­sta­di­um gewon­nen wer­den, und dass zum ande­ren die Ent­nah­me die Zer­stö­rung die­ses Embry­os nach sich zieht. Wür­de eine sol­che bean­spruch­te Erfin­dung nicht von der Paten­tie­rung aus­ge­schlos­sen, hät­te dies zur Fol­ge, dass der Patent­an­mel­der den Aus­schluss von der Paten­tie­rung durch eine geschick­te Abfas­sung des Anspruchs umge­hen könn­te. Folg­lich ist eine Erfin­dung nicht paten­tier­bar, wenn die Anwen­dung des Ver­fah­rens die vor­her­ge­hen­de Zer­stö­rung mensch­li­cher Embryo­nen oder deren Ver­wen­dung als Aus­gangs­ma­te­ri­al erfor­dert, selbst wenn bei Bean­tra­gung des Patents in der Beschrei­bung die­ses Ver­fah­rens, wie im vor­lie­gen­den Fall, die Ver­wen­dung mensch­li­cher Embryo­nen nicht erwähnt wird.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 18. Okto­ber 2011 – C‑34/​10, Oli­ver Brüst­le /​Green­peace e.V.

Patentierbarkeit eines menschlichen Embryos